Das Portal der Gothaer Orangerie

Seit 280 Jahren bildet das beeindruckende dreiteilige Orangerieportal (hier eine Aufnahme um 1920 mit Blick zum Schloss Friedrichsthal) den Eingang zur schönsten Gartenanlage der Residenzstadt. Entgegen der modernen Legende stammt es jedoch weder aus dem Rokoko, noch vom einstigen Lustgarten des Schlosses Friedrichswerth, sondern wurde 1734 von Gothaer Handwerkern eigens für die Orangerie angefertigt. (Foto: Altstadtverein)

Seit über 280 Jahren bildet das beeindruckende dreiteilige Orangerieportal (hier um 1920 mit Blick zum Schloss Friedrichsthal) den Eingang zur schönsten Gartenanlage der Residenzstadt. Entgegen der modernen Legende stammt es jedoch weder aus dem Rokoko, noch vom einstigen Lustgarten des Schlosses Friedrichswerth, sondern wurde 1734 von Gothaer Handwerkern eigens für die Orangerie angefertigt. (Foto: Altstadtverein)

 

Ein häufig fotografierter Blickfang der Orangerie ist das prächtige dreiteilige Eingangsportal an der Friedrichstraße, das vor allem durch seine filigranen Metallschmiedearbeiten beeindruckt. Obwohl bereits vor über 60 Jahren detaillierte Forschungen zu Herkunft und Alter des Tores veröffentlicht wurden, halten sich bis heute hartnäckig vor allem zwei Legenden, nämlich:

1) Das Tor stamme aus der Zeit des Rokoko.

2) Das Tor und der Zaun stammten vom einstigen Lustgarten des Schlosses Friedrichswerth, das Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1646–1691) in den Jahren 1680 bis 1689 in Erffa (heute Friedrichswerth) errichten ließ.

Die erste Legende hält sich, da schlichtweg angenommen wird, dass das Tor und der Zaun erst im Zuge der Neuanlage der Orangerie ab 1747 angefertigt wurden – also in der auf das Barock folgenden Zeit des Rokoko. Die zweite Legende (manchmal noch ergänzt um den Zusatz, dass das Tor während des „Dritten Reiches“ nach Gotha gekommen sei!) wird vor allem von den Friedrichswerthern gern erzählt, deren Lustgarten am Schloss irgendwann des ebenfalls dreiteiligen Tores samt Zaun verlustig ging. Ihrer Meinung nach gehört das Tor der Gothaer Orangerie also „eigentlich nach Friedrichswerth“. Indes wurden der Zaun und das Orangerieportal nachweislich eigens für die Gartenanlage der Residenzstadt angefertigt – und zwar 13 Jahre vor der Neuplanung der Orangerie durch den Baumeister Gottfried Heinrich Krohne!

Im Jahre 1734 wurde das dreiflügelige Portal der Orangerie von Gothaer Handwerkern angefertigt, volle 13 Jahre vor der Neuplanung der Gartennanlage durch Gottfried Heinrich Krohne. Unbestritten ist das Werk bis heute eine der besten Schmiedearbeiten in der Residenzstadt – und auch im Winter ein Blickfang. (Foto: Cramer)

Allein ein Blick auf die Abmessungen des Gothaer Orangerietores und des Friedrichswerther Lustgartentores (von dem bis heute die steinernen Pfeiler und eisernen Angeln der Torflügel erhalten sind) zeigt, dass der Anspruch der Friedrichswerther jedweder Grundlage entbehrt: Das zweiflügelige Haupttor der Orangerie ist nicht nur über zwei Meter höher als es das Tor des Lustgartens je gewesen sein kann, es ist auch rund 75 Zentimeter schmaler. Darüber hinaus sind die beiden Flügel des großen Orangerietores mit jeweils drei Angeln befestigt, während in Friedrichswerth lediglich zwei Angeln (und dies mit völlig anderem Abstand) jeden Flügel hielten. Auch die das Haupttor flankierenden kleineren einflügeligen Tore waren am Friedrichswerther Lustgarten fast 20 Zentimeter breiter als ihre Pendants in der Gothaer Orangerie.

Eine Anpassung des Friedrichswerther Tores an die Orangerie hätte eine vollständige Umarbeitung des gesamten Tores sowohl in Höhe als auch Breite erforderlich gemacht, die umso erheblicher ausgefallen wäre, als auch sämtliche aufwändigen Verzierungen mit Akanthusblättern, Ranken etc. hätten entfernt und komplett neu angefertigt werden müssen. Insgesamt also ein Aufwand, der umso unsinniger erscheint, weil es um vieles einfacher (und nicht zuletzt kostengünstiger!) gewesen wäre, einfach nur die Torpfeiler anzupassen.

Detailansicht des Portals mit sächsischem Rautenkranzwappen und Pfeilerbekrönung vor dem Hintergrund des Turmes des neogotischen „Teeschlösschens“, das sich südwestlich oberhalb der Gartenanlage erhebt. (Foto: Cramer)

Detailansicht des Portals mit sächsischem Rautenkranzwappen und Pfeilerbekrönung vor dem Hintergrund des Turmes des neogotischen „Teeschlösschens“, das sich südwestlich oberhalb der Gartenanlage erhebt. (Foto: Cramer)

 

Die zuweilen aufgestellte zusätzliche Behauptung, dass das Friedrichswerther Tor in der Zeit des „Dritten Reiches“ nach Gotha geholt worden wäre, ist völlig abwegig. Sowohl die historischen Zeichnungen und Stiche aus dem 19. Jahrhundert, als auch das erste belegte Foto der Gothaer Orangerie aus dem Jahre 1858 zeigen eindeutig, dass das Tor auch damals schon in seiner heutigen Gestalt und Abmessung stand.

Doch auch abseits dieser eindeutigen Beweise gegen die Friedrichswerther Legende (die im Übrigen durch keinerlei Belege unterstützt wird) ist in den Archivalien des Staatsarchivs auf Schloss Friedenstein belegt, wann und von wem Tor und Zaun der Gothaer Orangerie angefertigt wurden – womit auch die Rokoko-Legende klar widerlegt wird. Nachfolgend ist der 1943 erschienene zweiteilige Artikel aus der „Thüringer Gauzeitung / Gothaer Beobachter“, der sich mit der Herkunft und dem Alter des Tores und des Zaunes beschäftigt, im originalen Wortlaut wiedergegeben:

 

Das schmiedeeiserne Orangengartentor

Ein Meisterstück Alt-Gothaer Handwerkskunst vom Jahre 1734

Seit mehr als 200 Jahren wird das schmiedeeiserne dreiteilige Haupttor des Orangengartens immer wieder von Freunden guter alter Handwerkskunst gern betrachtet. Über seine Entstehungszeit und seine Schöpfer herrschte jedoch bisher völlige Unklarheit, die erst in den letzten Jahren durch eingehende Nachforschungen beseitigt werden konnte. Der verstorbene Heimatschriftsteller Püschel hatte behauptet: „Das Gitter mit seinem auch heute noch vielbewunderten Tor bestand schon 1710“ … und anläßlich einer Handwerkerausstellung in der Orangerie: „ein Friedrichswerther Meister habe es geschmiedet“. Andere Heimatforscher glaubten, es sei um das Jahr 1750 mit dem älteren Gewächshaus zugleich errichtet worden, gehöre also noch in die Rokokozeit.

Wie so oft im Leben, führt auch hier die goldene Mittelstraße ans Ziel: Die aufgefundenen Rechnungen und Belege beweisen eindeutig, daß Gitter und Tor erst seit 1734, also nach dem Abbruch des vorher dort gestandenen „alten Ordonnanzhauses“ als Abschluß nach der „Allee vor dem Sieblebertor“ (unserer jetzigen Friedrichstraße) bestehen.

Das Mitteltor ist eine Arbeit des Hofschlossermeisters Gräfenstein, der damals Haus, Hof und Garten „vor dem Sundhäuser Thor, auf der Burgfreiheit, am Gäßchen gegen dem Thor über“ besaß. (Sein großes Grundstück erstreckte sich entlang der Viertel der Dreikronengasse, die ja erst später nach dem auf Gräfensteins Grundstück eingerichteten Gasthof „Zu den drei Kronen“ ihren Namen erhielt!) Sein Bruder besaß daneben Haus, Hof und Garten, die frühere „Stadtmission“.

Das markante sächsische Rautenkranzwappen mit Herzogshut ersetzte Ende des 18. Jahrhunderts die ursprünglich das Haupttor krönenden Initialen Herzog Friedrichs III., des Auftraggebers der Gartenanlage. (Foto: Cramer)

Die beiden Seitentore fertigte Hofschlossermeister Silber, der dann auch die Schlosserarbeiten am jetzigen südlichen Gewächshaus im Auftrag bekam. Mauerbrüstung und Steinpfeiler baute Hofmaurermeister Broßmann(1); die Steine dazu lieferte er aus seinem eigenen Steinbruch. Gleichzeitig wurden u.a. eine Brücke über den Leinakanal, ein Wasserfall von da oben nach dem Garten herunter, Steintreppen daneben usw. gebaut, wofür insgesamt über 2.000 Taler Kosten entstanden, welche die fürstliche Kammerkasse bezahlte.

Damals erfolgte auch die Änderung des bisherigen Namens „Ordonnanzgarten“ (der ja wegen Verlegung des „Ordonnanzhauses“ an den Mühlgrabenweg „vor dem Erfurter Tor“ nun hier nicht mehr zutraf) in die heute noch übliche Bezeichnung „Orangengarten“.

Entsprechend der gründlichen inneren Umgestaltung des Gartens haben freilich Gitter und Tor seit ihrer ersten Errichtung zweimal sehr wesentliche Änderungen erfahren. In der Hauptsache betrifft das die Grundlinienführung, die Höhe und die Bekrönung. Das alte Gitter und Tor waren nämlich ursprünglich um zwei Schuh (etwa 60 Zentimeter) niedriger; dem gemäß fehlte dann das unterste Feld am Mitteltor und den beiden Seitentoren; an dem ebensoviel kürzeren Gitter fiel deshalb der unterste Querstab weg. Anstelle der heutigen Bekrönung des Mitteltores (Rautenkranz nebst Krone darüber und Blumengewinde darunter) befand sich eine wahrscheinlich viel zierlichere, stilechte, mit dem fürstlichen Namenszug (zwei verschlungene F mit Krone: Herzog Friedrich III. 1732–1772).

Die schmiedeeisernen Vasen, welche die beiden Seitentore bekrönen, wurden erst einige Jahrzehnte nach der Entstehung von Tor und Zaun hinzugefügt. (Foto: Cramer)

Auch die beiden Vasen über den Seitentoren, die vor längerer Zeit entfernt, bis jetzt aber noch nicht ersetzt sind, scheinen eine spätere Zutat gewesen zu sein. Im übrigen standen Gitter und Tor anfangs jahrzehntelang auf einer Brustmauer, wodurch man zwar von der Straße aus nicht wie heute den Garten in seiner ganzen Ausdehnung übersehen konnte, dafür jedoch die kunstvollen schmiedeeisernen Muster gegen den Himmel umsoviel besser zur Geltung kamen.

So gesehen kann nun natürlich keine Rede mehr von einer „Rokoko-Arbeit“ sein, denn es fehlt ja gerade das Hauptmerkmal dieses Baustils: die fortwährende Wandlung des Musters! Hier war die linke Hälfte des ursprünglichen Mitteltores ebenso wie die rechte, ein Seitentor glich dem anderen, ferner wiederholt sich dasselbe Muster der Randleiste vielmals. Aber auch die Verschnörkelung, die Ausführung der Akanthusblätter(2) und des sonstigen Beiwerkes sind derart, daß zweifellos das ganze Schmiedewerk in seiner ursprünglichen Gestalt dem Barockstil zugerechnet werden muß!

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Die regelmäßigen Verzierungen sowohl der Flügel des Haupttores als auch der flankierenden Seitentore weisen eindeutig darauf hin dass die Gesamtarbeit dem Barock und keinesfalls dem Rokoko zuzurechnen ist. (Foto: Cramer)

 

Aus den bisher geprüften Belegen geht leider die geistige Urheberschaft nicht klar hervor. Der Entwurf wurde wahrscheinlich vom fürstlichen Bauamte geliefert, dem damals tüchtige Künstler, wie Gengenbach und Stengel, angehörten. Gerade letzterer zeigte bei seinen späteren Bauten in Saarbrücken, Dornburg (Elbe) und anderswo eine besondere Vorliebe für solche schmiedeeisernen Kunstwerke, gepaart mit großer Sachkenntnis, denn er gab den ausführenden Handwerksmeistern stets genaue, ins einzelne gehende Anweisungen.

Welche Veränderungen Gitterwerk und Tor nach der Erbauung des ersten steinernen Gewächshauses an der Südseite erfahren haben, kann heute noch nicht gesagt werden. Es ist z.B. fraglich, ob von vornherein die Steinpfeiler mit Granatäpfeln(3) (statt der jetzigen Steinkugeln) geschmückt und beim Gitter immer ein gerader mit einem geflammten Stab abwechselte, oder ob das letztere überhaupt nur geplant, jedoch garnicht ausgeführt worden ist. Die Grundlinie der Gittermauer verlief vielleicht schon von Anfang an nicht gerade ausgerichtet wie jetzt, sondern mehrfach gewinkelt und verkröpft. Durch diesen Kunstgriff wollte der Baumeister – vom Friedrichsthal aus gesehen – die damals noch sehr beträchtlichen Höhenunterschiede im Orangengarten (von Süden nach Norden und von Westen nach Osten!) soviel als möglich verdecken.

Übrigens lag die Mittelachse des Gartens und somit seines Tores nicht mit der des Schlosses Friedrichsthal gleichlaufend, sondern unten an der Friedrichstraße 120 Schuh (knapp 35 Meter), oben am Leinakanal nur 85 Schuh (knapp 25 Meter) nördlicher; der Orangengarten war ja zu dieser Zeit noch viel schmaler als jetzt und wurde erst nach und nach durch Hinzukauf der benachbarten Grundstücke auf die heutige Breite gebracht! Bei der Erbauung des ersten steinernen Gewächshauses an der Südseite beseitigte man diesen Zustand; um 1750 herum kam also das Tor ungefähr an seinen jetzigen Ort, stand jedoch bedeutend höher als heute. Sonstige Einzelheiten sind noch nicht bekannt geworden.

Ursprünglich wurden die Pfeiler des Portals und des Zaunes der Orangerie von steinernen Granatäpfeln gekrönt. Nach dem Tode Herzog Friedrichs III. im Jahre 1772 ließ sein Sohn Ernst II. diese jedoch entfernen und durch die schlichteren Kugeln ersetzen, die heute noch zu sehen sind. (Foto: Cramer)

Ursprünglich wurden die Pfeiler des Portals und des Zaunes der Orangerie von steinernen Granatäpfeln gekrönt. Nach dem Tode Herzog Friedrichs III. im Jahre 1772 ließ sein Sohn Ernst II. diese jedoch entfernen und durch die schlichteren Kugeln ersetzen, die heute noch zu sehen sind. (Foto: Cramer)

 

Erst im Jahre 1774, nach dem sehr schlicht gehaltenen Ausbau des zweiten Gewächshauses an der Nordseite (das „Orangenhaus“ genannt, während das südliche das „Laurierhaus“(4) damals hieß!) begann man mit der Einebnung des Gartens bis hinten an den Berg. Da der Orangengarten jetzt von der Straße aus in seiner ganzen Länge und Breite zu übersehen sein sollte, mußten die Mauerbrüstung wieder entfernt und Gitter und Tor zum Ausgleich um etwa 80 Zentimeter erhöht, die Lanzenstangen auch unten durch einen Querstab verbunden werden. Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772–1804) ordnete ferner an, daß die Granatäpfel auf den Steinpfeilern durch Steinkugeln und der Namenszug seines verstorbenen Vaters über dem Mitteltor durch Rautenkranz und Krone ersetzt werden sollten. Gleichzeitig bekamen Gitter und Stützmauer unterhalb des nördlichen Gewächshauses die heutige Linienführung.

Abgesehen von kleinen unbeabsichtigten Änderungen anläßlich des Ersatzes von rostzerfressenen einzelnen Teilstücken sind wohl Gitterwerk und Tor seitdem unverändert geblieben. Mögen sie uns noch recht viele Jahre erhalten bleiben und […] die jungen Handwerker weiter anspornen, den alten Meistern gleich immer ihr bestes Können zu zeigen.

E.H.K.

(aus: „Thüringer Gauzeitung / Gothaer Beobachter“ Nr. 290 und 291 vom 24. und 25. November 1943)

 


Anmerkungen:

(1) Der Gothaer Hofmaurer Georg David Broßmann (gest. März 1748) bekam 1747 auch die Maurerarbeiten für den Bau des „Lorbeerhauses“ übertragen.
(2) Ursprünglich waren sowohl die Verzierungen des Tores als auch die Spitzen des Zaunes vergoldet. Wahrscheinlich schon bei der ersten farblichen Auffrischung des Zaunes im 19. Jahrhundert wurden die Reste dieser Vergoldung übermalt.
(3) Hier handelt es sich möglicherweise um einen Fehler des Autors. Sehr wahrscheinlich waren die Pfeiler mit den im Barock als Bekrönung sehr beliebten steinernen Pinienzapfen geschmückt.
(4) Aus der originalen Bezeichnung „Laurierhaus“ (von lat. laurus = Lorbeer) wurde im Laufe der Zeit die heutige Bezeichnung „Lorbeerhaus“.